„Viel des wenigen Platzes beanspruchen Schreibtische, der Adolf Hitlers oder der Erich Honeckers. Wer immer darauf hofft 'Objekte zum Sprechen' zu bringen, möge doch bitte erklären, was diese Tische uns sagen.”(Jens Bisky, Vergoldete Verzagtheit. Das Deutsche Historische Museum und sein Geschichtsbild, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 161, 15./16. Juli 2006) „Natürlich war dieser Tisch mit jenen amerikanischen Schreibtischen, wie sie sich auf europäischen Versteigerungen herumtreiben, nicht zu vergleichen. Er hatte zum Beispiel in seinem Aufsatz hundert Fächer verschiedenster Größe, und selbst der Präsident der Union hätte für jeden seiner Akten einen passenden Platz gefunden, aber außerdem war an der Seite ein Regulator, und man konnte durch Drehen an einer Kurbel die verschiedensten Umstellungen und Neueinrichtungen der Fächer nach Belieben und Bedarf erzielen.”(Franz Kafka, Der Verschollene) „Mein Schreibtisch im Bureau war gewiß nie ordentlich, jetzt aber ist er von einem wüsten Haufen von Papieren und Akten hoch bedeckt, ich kenne beiläufig nur das, was obenauf liegt, unten ahne ich bloß Fürchterliches.”(Franz Kafka, Briefe an Felice)
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Bis zum Heraufkommen der digitalen Medien bildet der Schreibtisch für mehr als drei Jahrhunderte einen maßgeblichen Referenzpunkt von Geschichte; dies freilich nicht als ihr sprechendes Bild oder als abstraktes Modell, sondern (1) als organisierende Instanz im Feld des Geschehens und (2) als Ursprung oder Durchlaufpunkt der historischen Quellen, aus denen sich die Geschichtsschreibung des modernen Verwaltungsstaates weitgehend speist. Der Schreibtisch ist der Ort der effektiven Verknüpfung von Mediengeschichte, Institutionengeschichte und der Geschichte der und sogar des Menschen - er ist der Ort der Erzeugung, Verarbeitung und Verteilung von Informationen, der Ort der Anwendung institutioneller Regeln und Normen und somit der Ort, an dem Menschen (Experten-Individuen) Menschen (Bevölkerungen, Gruppen, Individuen) anhand von Datensätzen konstituieren und über sie verfügen.

Kein anderer moderner Autor hat diesen Sachverhalt so radikal begriffen und so konsequent nachvollzogen wie der Prager Jurist und Sozialversicherungsexperte Franz Kafka (1883-1924). Die zahllosen Schreibtische, die seine Geschichten bevölkern, sind jeweils nicht nur mehr oder weniger bedeutsame Elemente der Erzählhandlung; sie verweisen — als Modelle, Folien oder Gegenbilder — auch jeweils auf das Schreibverfahren, das die erzählten Welten hervorbringt. So handelt es sich bei dem amerikanischen Schreibtisch nur auf den ersten Blick um eine verblüffende Antizipation der digitalen Speichermedien, die sämtliche Akten des amerikanischen Präsidenten in variabler Anordnung aufzunehmen vermögen. Auf den zweiten, dritten und n-ten Blick stellt sich heraus, dass Kafka hier ein präzises Modell seines literarischen Verfahrens ins Bild gesetzt hat. In seinem einzigartigen Schreibprojekt verbinden sich Techniken des Bureaus (in seinem Doppelsinne als Verwaltungseinheit und als Schreibtisch) mit Techniken der Sprachkunst zu einem phantastischen System literarischer Akten-Zeichen, einer wilden, durch Zitat, Anspielung und Echo betriebenen Verwaltung der Texte, Bilder, Töne und Gesten der Tradition und der Gegenwart. Die fatale Logik der heute in Berlin ausgestellten Schreibtische wird hier fachmännisch antizipiert, überschritten, und verkehrt.

Wie die heutigen Hypermedien organisiert sich Kafkas Schreibverfahren entlang der Differenz von Oberfläche und Tiefe, von Bildschirmoberfläche und Datenspeicher. Dabei setzt sein Prager Schreibtisch der perfekten Ordnungsfunktion des oben ausgestellten amerikanischen Schreibtischs eine konstitutive Unschärfe entgegen: Das Verweispotential seiner Bild-Chiffren, der durch sie konstituierte Echo-Raum erstreckt sich weit über das auktoriale Kalkül des Verfassers hinaus. Deshalb ermöglichen „unsere“ digitalen Medien nichts weniger als die Einlösung oder Erlösung der dynamischen Verweislogik des Print-Textes von seiner medial begründeten Linearität. Sie verhalten sich zu Kafkas "hypermnemischer Maschine der 1000sten Generation" wie "eine Bastelei aus prä- historischem Kinderspielzeug" (so Derrida über Joyce). Aus dieser medialen Konstellation zieht das Virtuelle Kafka-Bureau forschungs- logische Konsequenzen: im virtuellen Raum von Datenbank und Hypertext wird Kafkas Schreibtisch weder nachgebaut noch zum sprechen gebracht; doch es eröffnet sich hier ein vollkommen neuer Zugang zu Kafkas Literatur und ihrer medialen Logik.