Das virtuelle Kafka-Bureau

Kafka in Frankenstein.
Böhmische Nerven-Politik, 1890-1938

Konferenz zum Projekt
100 Jahre Frankenstein.
Zur Geschichte einer Heilstätte zwischen den Nationen, Systemen und Disziplinen

Das Sanatorium Frankenstein (Podháji) bei Rumburg, dessen Gründung sich gerade zum 100sten Male jährt, ist ein Schauplatz, an dem sich die Lokal- und Regionalgeschichte Nordböhmens mit den großen historischen Linien des vergangenen Jahrhunderts kreuzt: mit der politischen Geschichte und dem bewegten Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen ebenso wie mit der Medizingeschichte und sogar mit der Literaturgeschichte.

Historische Ausgangspunkte

Bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte sich die Heilanstalt des Großindustriellen Carl Dittrich aus dem benachbarten Schönlinde (Krásná Lípa) einen internationalen Ruf als physikalisch-diätetische Heilanstalt erworben. Das Spektrum der ‚Heilbehelfe' erstreckte sich von traditionellen Anwendungen bis hin zu damals neuen und verheißungsvollen Verfahren wie der Elektrotherapie. Letzteres mag, neben dem finanziellen Engagements Dittrichs, der Grund dafür gewesen sein, dass im Verlaufe des Weltkriegs aus dem privaten Kurbetrieb eine staatliche Anstalt mit ‚nationalem Auftrag' werden konnte. Als die 1915 in Prag eingerichtete Staatliche Landeszentrale für das Königreich Böhmen zur Fürsorge für heimkehrende Krieger eine geeignete Einrichtung für die Behandlung der seit Kriegsbeginn zahlreich von der Front heimkehrenden ‚Kriegsneurotiker' suchte, da fiel die Wahl nach einer sorgfältigen Suche schließlich auf das Sanatorium in Frankenstein. Zum Zeitpunkt der Umwandlung des Sanatoriums in eine Volksnervenheilanstalt, im Frühjahr 1917, war eine solche Einrichtung freilich nicht mehr eigentlich als staatliche, sondern nur noch als nationale, als „Deutsche Volksnervenheilanhalt für das Königreich Böhmen“, realisierbar.

Eine wichtige Rolle bei der Einrichtung der Anstalt und ihres Trägervereins spielte ein Dichter, dessen Werk sich, ähnlich wie die Nerven, nur mit einigem politischen Aufwand national identifizieren lässt. Franz Kafka, dessen Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt die Trägerin der Staatlichen Landeszentrale war, hatte dort zusammen mit seinem Chef Eugen Pfohl die Verantwortung für das Projekt ‚Volksnervenheilanstalt' übernommen. Kafka, der bereits im Sommer 1915 als Patient (und möglicherweise sogar schon als ‚Testinsasse') einen Aufenthalt in Frankenstein verbracht hatte, war nicht nur nachweislich an den Sitzungen des Komitees zur Auswahl einer geeigneten Einrichtung beteiligt; er schrieb auch neben dem Gründungsaufruf für den Trägerverein eine Reihe von Zeitungsartikeln und –aufrufen, in denen er um politische und finanzielle Unterstützung für das Projekt warb. Zwischen diesen Texten und seinem dichterischen Werk lassen sich eine Reihe aufschlussreicher Verbindungslinien rekonstruieren.

Nach dem Zerfall des Habsburgerreiches und der tschechischen Staatsgründung durchlief das Sanatorium eine wechselhafte – und derzeit nur lückenhaft rekonstruierbare – Geschichte. In den 20er Jahren bestand es als Deutsche Volksnervenheilanstalt fort; während des Zweiten Weltkrieges diente es den deutschen Besatzern als Feldlazarett; in der CSSR wurde es bis Anfang der 60er als Nervensanatorium weitergeführt. Seither werden die Gebäude in Frankenstein von der Städtischen Klinik Rumburk genutzt und beherbergen u.a. die Rehabilitationsabteilung.

Zur Konferenz Frankenstein

Die Konferenz nimmt Kafkas Aufenthalt bzw. organisatorische Tätigkeit für die AUVA (Arbeiterunfallversicherungsanstalt) im Sanatorium Frankenstein / Podhájí zum Anlass, weiterführend über Nervendiskurse in Böhmen nachzudenken. Dabei ist es den Veranstaltern wichtig, verschiedene historische Perspektiven zu berücksichtigen: Ausgehend von der Betrachtung des Sanatoriums als evidente Schnittstelle gesellschaftlicher Diskurse sollen hier politische Geschichte, Medizingeschichte, Regionalgeschichte und Literaturgeschichte gemeinsam diskutiert werden. Keineswegs soll es nur um Kafka gehen...

Aus dieser Überlegung heraus entstand die Idee, Frankenstein als eine exemplarische Heilanstalt im Herzen Europas insbesondere in den bewegten Jahren 1890 - 1933 stärker in den Blick zu rücken. Die bislang kaum aufgearbeitete Geschichte im Kontext des „nervösen Zeitalters“ (Joachim Radkau), noch dazu im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, berechtigt zu der Annahme, dass hier ein sehr fruchtbarer interdisziplinärer Dialog zwischen den Spezialwissenschaften initiiert werden kann.

Die Geschichte des Sanatoriums bietet Ansatzpunkte für eine Reihe von Nachforschungen mit unterschiedlichen fachdisziplinären Perspektiven. Dabei gewähren zum einen die Bauakten des Sanatoriums im Stadtarchiv von Rumburk sowie einige Broschüren und Tätigkeitsberichte aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Museum Rumburk, zum anderen die im Prager Staatsarchiv aufbewahrten Akten der Staatlichen Landeszentrale zur Unterstützung der Kriegsheimkehrer und die Tätigkeitsberichte der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt eine wertvolle Ausgangsbasis.

Für das internationale Kolloquium ‚ Kafka in Frankenstein. Böhmische Nerven-Politik zwischen 1890 und 1933' wurden ausgewiesene Experten um Referate angefragt (siehe Teilnehmerliste). Für die Organisatoren waren dabei folgende thematische Schwerpunkte von Interesse:

Lokal- bzw. Regionalgeschichte: zur Bedeutung des Sanatoriums innerhalb der Geschichte Rumburgs; familiengeschichtliche Spuren (Ärzte, Personal, Patienten etc.);

Politische Geschichte, Nationalgeschichte: zum Phänomen der‚ Nationalisierung der Nerven', sowie generell zum Verhältnis von Medizin und Biopolitik einerseits zur Nationalitätenfrage, andererseits zu den wechselnden politischen Systemen;

Medizingeschichte und Biopolitik : Frankenstein im Kontext der Geschichte des mitteleuropäischen Sanatorienbetriebs; zum Phänomen der ‚Kriegsneurosen' und seiner therapeutischen Behandlung: der Konflikt zwischen Psychoanalyse und Psychiatrie; zur Rolle der elektrotherapeutischen Verfahren in diesem Kontext; zu den Strategien der Verstaatlichung des individuellen Lebens im Rahmen der Kriegsheimkehrerfürsorge und der Kriegs-Biopolitik;

Literaturgeschichte: zum Engagement Franz Kafkas für die Gründung der Volksnervenheilanstalt; Kafkas Versuch einer Umfunktionierung der Kriegs-Biopolitik zugunsten einer Fürsorge für das individuelle Leben; Verbindungslinien zu seinem schriftstellerischen Werk.

Aus nahe liegenden organisatorisch-technischen Gründen werden die Veranstaltungsorte Ústí nad Labem und Rumburk ins Auge gefasst.