Das virtuelle Kafka-Bureau

I. Kultur- und medientheoretische Ausgangspunkte

I.1. Evidenz und Latenz: Kafkas Bilder-Schrift als Forschungsaufgabe

Die Bildhaftigkeit der literarischen Sprache Franz Kafkas war ihren Erforschern seit jeher Faszinosum und Erkenntnishindernis zugleich. "Jeder Satz steht buchstäblich, und jeder bedeutet", begründet etwa Adorno die Unzulänglichkeit des Symbolbegriffs für ein Verständnis Kafkas: "Beides ist nicht, wie das Symbol es möchte, verschmolzen,, sondern klafft auseinander, und aus dem Abgrund dazwischen klafft der grelle Strahl der Faszination" (Adorno 1976, 251). Lakonischer klingt eine von Walter Benjamin überlieferte Bemerkung Brechts: "Die Bilder sind ja gut. Der Rest ist eben Geheimniskrämerei. Der ist Unfug. Man muß ihn beiseite lassen" (nach Benjamin 1981b, 151). Brechts Kafka-Kommentar zeugt nicht nur von einem begrenzten Verständnis für moderne Kommuni-kationsverhältnisse. Sie benennt zugleich präzise jene Nahtstelle, die Franz Kafkas Werk zu einem einzigartigen Archiv dieser Kommunikationsverhältnisse -- ihrer Medien und Verfahren wie ihrer Gegenstände und Themen -- werden ließ. Diese Nahtstelle, die Differenz zwischen den "guten Bildern" auf der einen und den "Geheimnissen", dem "Schutt und Abfall" (Benjamin 1981b, 152) auf der anderen Seite, markiert bis heute eine deutliche Scheidelinie durch die vielfach zerklüftete Landschaft der Kafkaforschung: Es hat den Anschein, als müsse man geradezu zwangsläufig wählen, ob man Kafkas bildhafte Sprache als Ausgangspunkt für eine Suche "in der Richtung der großen allgemeinen Übelstände" verwenden wolle, "die der heutigen Menschheit zusetzen" (Brecht, nach Benjamin 1981b, 152), oder ob man umgekehrt nach empirischen Spuren im Leben und in der Zeit des Autors suchen wolle, von denen aus sich dessen gleichermaßen prägnanten wie unbestimmten Bilder 'motivieren' ließen.
Die Zielsetzung des im folgenden skizzierten Forschungsprojekts besteht darin, sich an diesem methodischen Dilemma zu orientieren, um

1) Kafkas bildgestützte Schreibweise zu rekonstruieren und die in ihr gebündelten, teils schon historischen, teils bis heute akuten Problemstellungen und Lösungsansätze sichtbar und

2) sein literarisches Werk in seiner medialen Funktion als kulturelles Archiv, als "Umschlagsplatz" besonderer Art "für Ereignisse, Informationen und Nachrichten" (Vogl e.a. 2004) nachzubilden und nutzbar zu machen.

Hierzu genügt es nicht, die genannten Perspektiven auf Kafkas Werk lediglich zu kombinieren oder zu vereinen. Vielmehr kommt es entscheidend darauf an, ihre Nahtstelle selbst in den Blick zu nehmen, sie von einem impliziten Organisationsprinzip der Forschung zu ihrem expliziten Gegenstand zu machen. Als Ausgangspunkt ergäbe sich dann die folgende dreifache Fragestellung:
1) Läßt sich die von Brecht monierte Differenz zwischen Evidenz und Latenz, zwischen der klaren 'Oberfläche' der Bilder und ihrer dunklen 'Tiefe' anders denn als kommunikationstechnischer oder ästhetischer Mangel begreifen; m.a.W, läßt sie als positive Textlogik, als poetisches Schreibverfahren beschreiben?
2) Worin bestehen die informatischen und rezeptionsästhetischen Voraussetzungen dieses Verfahrens; m.a.W.: welche Beziehungen lassen sich in diesem gegebenen Fall ('Kafka') zwischen Akten, Praktiken und Medien der Perzeption und Apperzeption einerseits und dem Schreiben als Verfahren der Archivierung, Umschrift und Zirkulation von Datenströmen verzeichnen?
3) Wie ließe sich seine Funktion im medialen Kontext der Moderne beschreiben, m.a.W.: wie wären die besonderen Rezeptionshaltungen und -strategien, die durch Kafkas Schreibweise begünstigt werden, aus medienhistorischen Sicht spezifizieren?

Wichtige Vorüberlegungen zur Beantwortung dieser Fragen finden sich in dem von Gerhard Neumann herausgegebenen Forschungsband Canetti als Leser. In seiner programmatischen Einleitung rekonstruiert Neumann die Kultur des Abendlands als Kette von "Rückverweisen", als laufendes Rearrangement von Lektüren und Relektüren. Dieser kulturkonstitutive "Gestus des Zitierens" (Neumann 1996, 7) erfährt im Verlaufe des 19. Jahrhunderts eine radikale Zuspitzung, die sich an den Namen dreier Diskursbegründer festmacht: der Philologe und Editionist Carl Lachmann, der Archäologe Heinrich Schliemann und der Psychoanalytiker Sigmund Freud begründen ihre Disziplinen (neu), indem sie sie an Techniken des Spurenlesens, der "kryptischen Lektüren" binden, die auf eine grundlegende Doppelbödigkeit jeglicher Texte gerichtet sind (ebd., 10f.): "es geht nunmehr um eine verschärfte Befragung des Textes der Welt im Sinne einer Ausforschung des Nicht-mehr-Sichtbaren, als das Lesen jenes Verborgenen, das unter der Oberfläche der Wahrnehmbarkeit liegt" (ebd., 8). Um 1900 ist die Verdrängung identitätsversichernder lebensweltlicher Erfahrung durch die "pandemische Inzucht der Leseakte" (ebd., 9) soweit fortgeschritten, die "Last des Zitierten und Exzerpierten" so "erdrückend" (ebd., 12), dass die Klage über diese Tendenz zur intrasystemisch erzeugten Latenz im Topos der "Sprachkrise" selbst zur zentralen Signatur des literarischen Diskurses wird. Hugo von Hofmannsthal, dessen fiktiver "Brief des Lord Chandos" (1902) die Ablösung aller sprachlichen Ausdrucksmittel von 'Erfahrung' und 'Leben' resonanzreich beklagt hatte, formuliert fünf Jahre später auf denkbar eindringliche Weise den kulturellen Affekt und die Paradoxie, auf der die Selbstbeklagung der Literatur im Zeichen der Sprachkrise basierten. Die zeitgenössischen Leser, so Hofmannsthal,
suchen ja von Buch zu Buch, was der Inhalt keines ihrer tausend Bücher ihnen geben kann: sie suchen etwas, was zwischen den Inhalten aller einzelnen Bücher schwebt, was diese Inhalte in eins zu verknüpfen vermöchte. Sie schlingen die realsten, die entseeltesten aller Literaturen hinunter und suchen etwas höchst Seelenhaftes. Sie suchen immerfort etwas, was ihr Leben mit den Adern der großen Lebensverbände in einer zauberhaften Transfusion lebendigen Blutes (Hofmannsthal 2000, 111).

I.2. Schreiben gegen Hyperliterarisierung: Kafkas Bilder-Schrift als kulturelles Archiv

Hofmannsthal, der neben Flaubert und Nietzsche wichtigste Bezugspunkt für die schriftstellerische Orientierung des jungen Kafka, verdeutlicht mit dieser Diagnose, dass nur der Rückgriff auf die romantische Vorstellung des Immanenz und Transzendenz umfassenden 'absoluten Buches' als Medium einer Wiederverzauberung des Lebens jene moderne Paradoxie zu verbergen vermag, die im Gedanken der Bewältigung der zunehmenden Literarisierung aller Lebensbereiche ausgerechnet durch Literatur beschlossen liegt. Doch gerade in ihrer rückwärtsgewandten Retranszendentalisierung von Buch und Leben benennt die zitierte Stelle präzise den doppelten Ausgangspunkt, von dem aus sich Verfahren und Einsatz des Kafka'schen Schreibprojekt begreifen lassen: die Verfahren der Regulierung des individuellen und kollektiven Lebens und die Medien-Schaltungen, auf denen sie aufruhen. Es ist Kafkas 'Doppelberuf' als Experte für Sozialversicherung und -verwaltung und als Schriftsteller, der es ihm ermöglicht, die Epochensignatur der Medialisierung und Informatisierung des Lebens in einzigartiger Weise zum Gegenstand, Einsatz und Verfahren von Literatur werden zu lassen. Für Kafka, der seit 1908 maßgeblich an der Modernisierung einer der größten biopolitischen Institutionen Mitteleuropas beteiligt war (der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen in Prag; Wagner 2004a, 818f.), war die Hofmannsthal'sche Phantasie eines lebensspendenden Buches "zwischen allen Büchern" weniger eine unerfüllbare Sehnsucht als vielmehr das Symptom eines grundstürzenden Paradigmenwechsels in der kulturellen Ökonomie des Wissens. Um 1900 ist das Wissen der modernen, durch immer weitergehende Differenzierung und Dynamisierung ihrer Teilbereiche gekennzeichneten Gesellschaft über sich selbst nicht mehr durch Bibliotheken, sondern durch Verwaltungen und technische Medien organisiert (ein kultureller Umbruch, den der albanische Erzähler Ismail Kadare in seinem Kafka-Pastiche Der Palast der Träume reflektiert, wenn sein Held die Beklemmung beim Betreten der labyrinthartigen Traumverwal-tungsbehörde dadurch bekämpft, dass er sich in Gedanken in die "geräumige Bibliothek" der elterlichen Villa zurückversetzt; Kadare 2003, 9f.). Nicht mehr in Büchern, sondern in Statistiken, Protokollen und Akten findet sich das für die Regulierung des kollektiven wie des individuellen Lebens entscheidende Wissen, ein Wissen zudem, das als administrativ prozessierter Datensatz oder Datenstrom in zunehmendem Maße nicht mehr auf analoger Schrift, sondern auf digitalen Lochcodes basiert (Dotzler 2002; Wagner 2002).
Unter diesen Bedingungen ist der 'Lebens'-Begriff aller transzendentalen und vitalistischen Implikationen beraubt, er erscheint als be- und verrechenbares Kapital der "Versicherungsgesellschaft" (Ewald 1993). Und wenn dieses säkularisierte und historisierte Leben im gleichen Zuge auf unterschiedliche Weise revitalisiert und -theologisiert wird (vor allem in den seit Kafkas Kindheitstagen wuchernden National- und Rassendiskursen), so sind es nicht zuerst Schriftsteller und Philosophen, sondern Journalisten und Propagandafachleute, sind es die sprachlichen und (photo)graphischen Bilder der Massenpresse, die die Visibilität und Suggestivität des neuen Weltwissens bewirken. Auch diese Tendenzen nimmt Kafka nicht nur als Zeitgenosse oder als Schriftsteller, sondern vor allem als Experte für Biopolitik wahr. Die kulturellen Gegensätze, die sich in der Sprache der medialen Stereotypen konstituieren und aufheizen, erweisen sich schon vor und erst recht nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs als Grenze der Sozialversicherung als mit den versicherungs-technischen Mitteln der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung unversicherbare Risiken.
Doch während Kafka in seiner doppelten beruflichen Zuständigkeit für die juristische Beäußerung der statistischen Gefahrenklassifikation der Betriebe und für die Öffentlichkeitsarbeit seiner Anstalt (einschließlich der Propaganda für die Versorgung der Kriegsversehrten) das skizzierte Verhältnis von Datenströmen und Bilderfluten allenfalls in Details variieren kann, wird er als Schriftsteller mit einzigartiger Konsequenz auf die biopolitische und medientechnische Herausforderung seiner Zeit 'antworten'. Es ist das besondere Spannungsverhältnis zwischen seinem im Felde der schreibenden Ärzte, Juristen und Beamten einzigartigen beruflichen Kenntnisprofil als Sozialversicherungs-experte auf der einen und den ethno- und geopolitischen Entsicherungs-tendenzen seiner Zeit auf der anderen Seite, das es ihm ermöglicht, den "'doppelten Boden' der Texte der Welt" (Neumann) bzw. deren "Tiefe" mit einer gleichermaßen originellen wie strategisch kalkulierten Informationsökonomie zu besetzen. Als Schriftsteller entwickelt Kafka eine gewissermaßen 'paneidetische' Erzählwelt ("das sind Bilder, nur Bilder", lautet ein einschlägiger Selbstkommentar), in der jedes Detail als Verweis auf eine Vielzahl externer Elemente gelesen werden kann. In diesem Zusammenhang wäre die medien-theoretische Intuition, nach der der "Autor Kafka, der seine Werke noch in "Handarbeit" erzeugt, dessen literarische Inspiration aber schon im Bann der Apparate steht, die es ermöglichen, Bilder und Schriften beliebig oft zu vervielfältigen", "[…] ganz einfach die Kopiermaschinen nach[ahmt], die er aus seiner beruflichen Praxis kannte" (Kittler 1990, 142) aufzugreifen, zu differenzieren und zu spezifizieren. Es wäre zu zeigen, dass seine Bilder-Schrift insofern auch eine 'syneidetische' ist, als sie sich nicht nur "zwischen allen Büchern", sondern auch zwischen allen Medien der Zeit bewegt. Nicht nur als Leser von Büchern, sondern auch als Zeitungsleser, Theater- und Kinobesucher, Kunstbetrachter, Flaneur und Reisender befindet sich Kafka immer schon auf Bilderjagd, schaffen sein phänomenales "eidetisches Gedächtnis" (Zischler 1998, 43) und sein "spontaner Nachahmungstrieb" die Voraussetzungen dafür, die Schrift ein letztes Mal als Medium aller Medien, als Hypermedium avant la lettre zu inszenieren.
Doch ist dieses Projekt einer Rettung der Schrift vor den Folgen der im 'Medienumbruch 1900' heraufziehenden proto-digitalen und elektronischen Medien bei Kafka kein Selbstzweck. Vielmehr lässt sich nachweisen, dass das medienstrategische Kalkül der Kafka'schen Schreibweise sich mit einem biopolitischen verbindet, das auf eine Rettung des Lebens vor den neuen medialen Schaltungen durch seine Rückbindung an die Schrift zielt. Dieses biopolitische Kalkül besteht in einer Depotenzierung jener plakativen, intensiv-suggestiven Presse- und Propagandasprache, die vor allem in Mitteleuropa den von Michel Foucault beschriebenen Umschlag der Bio-Politik des Sozialstaats in die Thanatopolitik des Kriegstaats transportiert. Was zwischen den Weltkriegen Aby Warburg im unvollendeten Projekt seines Mnemosyne-Atlas auf dem Wege kulturhistorischer Rekonstruktion anstrebte - die mit der bildlichen Gebärdensprache der Antike im Zuge ihrer Überlieferung und kontextuellen Diversifikation verbundene Transformation affektiver Energien ("transformatio energetica") zum einen zu rekonstruieren, zum anderen kulturpolitisch bzw. -didaktisch zu moderieren (Port 2002, 15) - hat Kafka unter der gleichen epochalen Signatur, jedoch bereits spätestens seit 1914, im Medium des Sprachbildes realisiert. Der zunehmend engmaschigeren staatlichen Verfügung über menschliche Energien -- physische wie affektive -- (dazu grundlegend Rabinbach 1990) setzt Kafka eine inverse Bio-Politik entgegen. Das dichte Netzwerk der verborgenen Zitate, Anspielungen, Parodien etc., das seine Ungeziefer, Affen, Hunde, Mäuse und Barbaren über die Texte und Rede seiner Zeit und ihrer Traditionslinien werfen, verwandelt diese Stigma-Symbole in polyvoke Allegorien, verkehrt sie von Medien der Ausgrenzung (Dissoziation) in Medien der Integration (Assoziation): im Bilder-Code des jeweils 'Anderen' halten sie dem Leser seine 'eigenen' Züge entgegen und unterlaufen so die Grenzen und Antinomien sozialer und kultureller Körperschaften. Diese "Veranderung" der Kafka'schen Erzählstimme (Vogl 1994, 752) verkehrt die "Aufstachelungs-funktion" der medialen Bilder in die "Funktion eines Quietivs" (Warburg, nach Port 2002, 14). Durch die allusive Bündelung konfligierender kultureller Positionen und Projekte seiner Zeit im gestischen "Kodex" (Benjamin 1981a, 18) seiner Bild-Sprache überträgt Kafka das grundlegende Verfahren der Sozialversicherung von der statistischen Zahl in den Bereich der sprachlichen Zeichen: den Ausgleich einer möglichst großen Zahl heterogener Risiken durch ihre Kumulation unter ein gemeinsames Wahrscheinlichkeitskalkül. Dabei setzt sein eigenartiger Versicherungsvertrag genau dort an, wo das statistische Kalkül der Sozialversicherung keinen berechenbaren Gegenstand mehr findet: bei den jeweils singulären, nicht quantifizierbaren Großrisiken kultureller Konflikte, die die Versicherungsliteratur seit 1914 intensiv beschäftigt hatten. Literatur wird so zum hoch unwahrscheinlichen Spezialfall medialer Historiographie: In einem nicht bloß metaphorischen Sinne lassen sich Kafkas Bilder als offene, strukturell unabschließbare Aktenbündel konzipieren, in denen eine Vielzahl historischer Ereignisse bzw. Fälle in mehr oder weniger große Nähe zu einem in der jeweiligen Erzählung entfalteten (Unfall-)Protokoll gerückt wird.

II. Struktur des Forschungsprojekts

II.1. Rahmenprojekt: Kafkas Datenverarbeitung

Kafkas "zwischen allen Büchern", zwischen allen Diskursen und Medien vagabundierende Bilder erfüllen so auf mustergültige Weise das Kriterium, das Autoren wie Paul de Man (de Man 1988, 38ff.) oder Harold Bloom (Bloom 1997) als Kennzeichen figurativer Rede identifiziert haben: sie sind strukturell 'unlesbar', sie produzieren notwendig nichts als 'Fehllektüren', weil sich ihnen kein eindeutiger oder begrenzt-mehrdeutiger Sinn entnehmen lässt, mehr noch, weil die eröffneten Sinnbildungs-Angebote sich gegenseitig ausschließen. Vor dem hier skizzierten Hintergrund lässt sich dieses Urteil im Hinblick auf Kafka als "obstacle épistémologique" im Sinne G. Bachelards (Bachelard 1938, 14), als durch einen blinden Fleck in der Theoriebildung erzeugtes Erkenntnishindernis begreifen. Es hat nur so lange bestand, wie der Zugriff auf diese Texte unter der Leitmetapher des Buches und der Lektüre bzw. Interpretation erfolgt. Wenn man freilich davon ausgeht, dass Kafka im Unterschied zu zahlreichen Zeitgenossen die Bibliothek weder imaginär restituieren noch revolutionär zerstören musste, weil er sie durch die Verwaltung ersetzen konnte (bzw. ihre Ersetzung durch die Verwaltung als kulturelle Leitinstitution begriffen hatte), so gelangt man zu einer neuen Leitmetaphorik, die einen neuen, empirisch fruchtbaren wie theoretisch reflektierten Zugang zu seinem Werk ermöglicht. Wenn nicht nur der Versicherungsjurist, sondern auch der Schriftsteller Kafka im oben entwickelten, informationsökonomischen Sinne keine Bücher, sondern Akten schreibt, dann hätte sich die Erschließung seines 'Werkes' (auf die allfällige Problematisierung des Werk-Begriffes kann hier verzichtet werden) nicht als Lektüre, sondern - jedenfalls zunächst -- als Registratur zu vollziehen: als empirisch offene, aber zugleich kulturtheoretisch orientierte und methodisch kontrollierte und differenzierte Erfassung, Kommentierung und Verknüpfung des diskursiv und medial heterogenen Materials, das sich im historischen Anspielungsfeld seines Bilder-Codes identifizieren und lokalisieren lässt.
Unter dem Rahmentitel Kafkas Datenverarbeitung soll dieses Unternehmen in zwei Phasen realisiert werden:

• die erste Phase zielt auf die empirische Rekonstruktion und die Analyse der Rezeptionsverfahren und -felder (Lektüren, Reisen, Kino- und Theaterbesuche etc.) Kafkas unter den Gesichtspunkten der Datenverarbeitung wie der ästhetischen Produktion sowie auf die Darstellung der Resultate als online-verfügbarer Hypertext (Kafkas virtuelle Mediathek; s.u.).

• In der zweiten Projektphase - Der Kafka-Hypertext -- soll der Kodex der Kafka'schen Bilder als Netzwerk von Hypertext-Knoten realisiert und sowohl in seiner Streuung durch Kafkas Werk (intratextuelle Dimension) als auch in den Verknüpfungen sichtbar gemacht bzw. entfaltet werden, die sich unter den orientierenden und eingrenzenden Gesichtspunkten der Kafka'schen Schreibstrategie zu den Medien, Stimmen, 'Fragen' und Debatten seiner Zeit rekonstruieren lassen (intertextuelle Dimension). Der Kafka-Hypertext besteht demnach aus Bildchiffren, ihnen zugeordneten Textfragment, Bildelementen, Filmsequenzen etc. sowie den editorischen Kommentaren zu den Elementen und den jeweils hergestellten Beziehungen zwischen ihnen. Sein Ziel besteht keineswegs darin, die Lektüre des gedruckten Textes zu ersetzen; vielmehr soll eine neue und neuartige Grundlage einer solchen Lektüre bereitgestellt und damit auch Wege zu einer neuen, polykontextuellen, problemsensiblen und reflexiven Technik des Lesens eröffnet werden, wie sie Rudolf Borchardt in Kafkas Todesjahr in seiner poetischen Definition des "höheren Lesers" andeutet: "Die Welt geht in ihn ein, indes er in die Welt aufgeht."

II.2. Förderprojekt: Kafkas Virtuelle Mediathek

Methode

Eine prägnante Formel für die methodische Herausforderung dieses Vorhabens findet sich in einem Brief Franz Kafkas an Felice Bauer. Über den seinen Schreibtisch im Büro der Arbeiter-Unfallversicherung berichtet er der Umworbenen kokettierend: "Ich kenne beiläufig nur das, was obenauf liegt, unten ahne ich bloß Fürchterliches" (Kafka 1976, S. 153). Das Raster der Selektionskriterien für Kafkas Virtuelle Mediathek bewegt sich zwischen Autorbezug und Textbezug, zwischen durch den Autor selbst oder dritte Quellen bezeugte Rezeptionen und dem überall und jederzeit über sie hinausdrängenden Spiel intertextueller bzw. intermedialer Bezüge. Hier ist es von methodisch entscheidender Bedeutung, den Status dieser nicht nur polyvoken, sondern auch polymorphen Bezüge offen zu halten und ihn von fallweise differenziert zu kommentieren. Bereits durch eine noch zu klassifizierende Versammlung von

• 'Quellen' oder 'Materialien' (wie eine substantialistisch konzipierte Produktionsästhetik etwa die Schilderungen des Verhaltens von Menschenaffen in Brehms Tierleben im Bezug auf Kafkas Affengeschichte Bericht für eine Akademie nennen würde),

• 'Vorlagen' für ein 'Pastiche' (wie Kafka selbst sinngemäß Dickens' Roman David Copperfield in Bezug auf seinen Verschollenen klassifiziert hat),

•'Anspielungsfolien' (wie man die Beziehung zwischen dem Affen Kafkas und dem Affen Nietzsches bzw. im Zarathustras text- oder sprachspieltheoretisch rekonstruieren könnte),

• 'Hypotexten' im Sinne Gérard Genettes (Genette 1993, 14f.; eine Beziehung, die sich etwa zwischen dem Bericht [Hypertext] und Kafkas ungeschriebener Autobiographie bzw. deren Großfragmenten, wie dem Brief an den Vater [Hypotext] ansetzen ließe)

• etc.

wird eine konstitutive Vielstimmigkeit der Kafka'schen Schrift sichtbar, die mit dem Beginn des Weltkriegs und der propagandistischen Aufladung der öffentlichen Rede in einen nahezu alle referentiellen Spuren verwischenden 'discours indirect libre' übergeht (Vogl 1994), eine nachahmende Verschmelzung verschiedener Stimmen in Kafkas Erzählstimme, deren Resonanzen untereinander sich jeder auktorialen Kontrolle entziehen und jede kritische Klassifikation der Beziehungen zwischen Hypertext und je verschiedenen Hypotexten überspielen (s.o.). Besteht vor diesem Ausgangsbefund ein grundlegender Arbeitsschritt des skizziertes Projektes darin, die Materialien, deren Rezeption quellenmäßig gesichert ist, möglichst vollständig zu verzeichnen und in ihren Beziehungen zu Kafkas Schrift zu kennzeichnen (sei es in Form eines Forschungsberichts, sei es durch weiterführende eigene Analysen), so entsteht die für das Projekt einer 'Virtuellen Mediathek' konstitutive Herausforderung an der entgegengesetzten Seite: in jener Zone der Virtualität (von produktionsästhetisch relevanten Bezügen), die in Kafkas Büro-Brief zur Aktenlage als das 'Unten' seiner Schreibtischoberfläche figuriert. Denn nach allem liegt es auf der Hand, dass es sich bei Kafka nicht nur um einen spezifischen Fall von "Literatur auf zweiter Stufe" handelt, eine Literatur, "die sich schreibt, indem sie liest" (Genette 1993); sondern dass vielmehr das Bewusstsein des Schreibers, immer schon eine Literatur auf n-ter Stufe zu produzieren, eine Literatur mithin, die auch das "liest", was der Schreiber bestenfalls zu ahnen vermag, im Falle Kafka bereits einen konstitutiven Aspekt des Schreibprojekts darstellt (weshalb auch das Freud'sche 'Unbewußte' immer schon höchst kalkuliert in Kafkas Spiel zwischen 'Oberfläche' und 'Unterhalb' eingeschrieben ist; zu Kafkas 'Freud-Spiel' vgl. Wagner 2004a, 970). Der Name Kafka ist demnach zwar notwendige, aber nicht auch schon hinreichende Bedingung der Virtuellen Mediathek. Diese kann erst dann entstehen, wenn zwischen dem begrenzten Bereich der gesicherten und dem unbegrenzten Bereich möglicher Rezeptionen eine Zone methodisch kontrollierter und differenzierter Wahrscheinlichkeit eingerichtet werden kann. Prägnante intertextuelle Beziehungen wären dann beispielsweise danach zu unterscheiden,

• welchen Ort das Referenzmaterial in Kafkas Rezeptionsfeld einnimmt. So wäre etwa Jakob Fromers 1911 erschienene Autobiographie Ghettodämmerung, die aufgrund ihrer Motivik als eine vor allem für den Bericht für eine Akademie, aber auch für das übrige schriftstellerische Werk Kafkas erstrangige Quelle gelten muss, im Zentrum der 1911 einsetzenden Lektüren zur chassidischen Kultur zu lokalisieren.

• inwieweit sich das Material einem der Kafkas Werk durchziehenden Krypto-Dialoge zuordnen ließe. So wäre, nach Identifikation einiger bei Kafkas Nietzsche-Umschrift geltenden Regeln (Kafkas 'Nietzsche-Spiel'), etwa den Bericht als Sonde zur Spezifikation der Nietzsche-Rezeption Kafkas zu verwenden (vgl. Wagner 2007).

• in welcher Weise es mit strategischen Einsätzen des Kafka'schen Schreibprojekts verknüpft ist. So ließe sich etwa zeigen, dass nicht nur Moritz Goldsteins segregationistische Streitschrift Deutsch-Jüdischer Parnaß von 1912 und ihr wichtigster Bezugstext, Werner Sombarts Die Zukunft der Juden von 1912, sondern auch eine ganze Reihe 'naheliegender' Beiträge zur sog. 'Goldstein-Debatte' höchst spezifische und unwahrscheinliche Resonanzen (nicht nur) zu Kafkas Bericht aufweisen.

• die Außenseite dieses Selektionsverfahrens der Virtuellen Mediathek wäre etwa dadurch sichtbar zu machen, dass 'automatische' Resonanzen, wie sie sich etwa zwischen Kafkas Nietzsche-Spiel und den mit dem Weltkriegsbeginn regelrecht explodierenden 'Nietzscheanismen' der öffentlichen Rede ergeben, punktuell sichtbar gemacht werden (etwa die Parodie des proliferierenden 'Übermenschen'-Gestus durch den Bericht) und zugleich von auktorial kontrollierten Nietzsche-Resonanzen n-ter Stufe (so zu den Nietzscheanismen des Prager Kulturzionismus, etwa in Bubers Drei Reden über das Judentum; oder zu Werner Sombarts thanatopolitischem Pamphlet Händler und Helden, einer anderen erstrangigen Erwerbung der Virtuellen Mediathek; vgl. Wagner 2007).

• inwieweit das Referenzmaterial in spezifischer Beziehung zu jener autoreferentiellen Dimension des Werkes steht, die für die literarische Moderne generell kennzeichnend, bei Kafka aber mit ungewöhnlicher Konsequenz und Präzision ausgeprägt ist. Das für den Affen im Bericht so (über)lebenswichtige Verfahren der Nachahmung fügt einen seit R. Wagners Pamphlet Das Judenthum in der Musik massenhaft proliferierten Topos des 'kulturellen' Antisemitismus ('die Juden' seien als 'wurzelloses' Volk nicht zu schöpferischer Tätigkeit, sondern lediglich zur verflachenden Nachahmung befähigt) in einen künstlerbio-graphischen wie autobiographischen Subtext ein, wobei sowohl der 'Verteiler'-Text Wagners wie eine Reihe zeitlich nachgeordneter aufgrund unwahrscheinlicher Häufung weiterer Bezüge Eingang in die Virtuelle Mediathek zu finden hätten. Die archaische Folter- und Schreibmaschine in Kafkas Strafkolonie weist auf einen ganzes Arsenal von Maschinen und Medien bzw. deren textuell-bildliche Beschreibungen, aus dem etwa der Phonograph (Kittler 1990, 118ff.) oder die in statistischen Büros verwendete elektrische Zählmaschine (Wagner 2004b) im Hinblick nicht nur auf die Textstruktur, sondern auch auf das poetische Verfahren als Ressourcen wie als Anspielungs-folien ersten Ranges zu begreifen wären.

Arbeitsschritte

Im bislang skizzierten Rahmen soll die geplante Kooperation in erster Linie der (theoretischen, methodischen und empirischen) Exploration des Forschungsfeldes und der Entwicklung und Erprobung der im Rahmen der ersten Projektphase erforderlichen Software-Lösungen dienen. Hierbei dienen die mit der zweiten Projektphase verbundenen Fragestellungen bereits als orientierender Bezugshorizont. Auch die institutionellen und finanziellen Voraussetzungen für eine Weiterführung und langfristige Verstetigung des Projekts sollen schon im Rahmen der Transcoop-Zusammenarbeit geschaffen werden. Dabei ist zu betonen, dass im Rahmen des Förderprojekts bereits eine Reihe eigenständiger, von einer Weiterführung unabhängiger Ergebnisse erarbeitet werden sollen. Die geplanten Arbeitsschritte lassen sich wie folgt zusammenfassen:

• Auswertung der Kommentare und Notizen, die sich in Kafkas Tagebüchern, Skizzenheften und Briefen zu Ereignissen und Aspekten ästhetischer Rezeption finden (Lektüren, Kinobesuche, Eisenbahnfahrten, etc.).

• Rekonstruktion der Inszenierungen des Verhältnisses von ästhetischer Rezeption/Produktion und Datenverarbeitung in Kafkas literarischem Werk. Als Musterbeispiel kann Stanley Corngolds Lektüre der Informationsökonomie der Schloß-Bürokratie einerseits als Gegenpol, andererseits als Näherungswert ästhetischer Produktion dienen (Corngold 2005). Corngold weist nach, dass das Spannungsverhältnis zwischen institutionell-organisierter und individuell-ekstatischer Textproduktion Kafkas schriftstellerische Selbstbeobachtung vom Beginn bis zum Ende seiner Schreibkarriere fasziniert.

• Erschließung und Verdatung der relevanten Forschungsliteratur (Lektüren, Kino, Theater, Reisen, Architektur etc.). In einer relationalen Datenbank werden bibliographische Angaben (zur Sekundärliteratur sowie, ggf. zu den Primärquellen), Abstracts und Exzerpte aus der Sekundärliteratur, hergestellte Bezüge zu Kafkas Werk, sowie ggf. neue, eigene Kommentare erfasst. Die angestrebte Software-Lösung auf der Basis eines dynamischen Hypertextes, der eine SQL-Datenbank verwaltet, schafft ein auf die Projektbedürfnisse zugeschnittenes, serverseitiges CMS (Content-Management-System). Auch der Zugriff auf die Datenbank soll über ein www-browser-kompatibles Online-Interface ermöglicht werden. Die hieraus resultierenden, neuen Möglichkeiten auf der Ebene dezentraler Forschungskooperation begünstigen eine Reihe inhaltlicher Innovationen. Hierzu zählt etwa die integrierte Darstellung des deutsch- und tschechischsprachigen Kontextmaterials. Auf dieser Basis wäre die national-sprachliche Verkürzung des Kulturbegriffs ('deutsche' vs. 'tschechische' Kultur) aufzubrechen, indem sprachunabhängige (Musik, Bildhauerei etc.) und sprachübergreifende Codes ebenso wie der Austausch zwischen den beiden Sprachbereichen in den Blick käme, der für die Funktionsweise von Kafkas Bildchiffren von besonderer Bedeutung ist (vgl. Nekula 2003, 212f.). Auf der Meta-Ebene (Sekundärliteratur) werden durch die Überbrückung national-sprachlicher Barrieren (die vorwiegend einsinnig vom Deutschen und Englischen ins Tschechische, teils auch vom Englischen ins Deutsche wirksam sind) neue Wege des Austauschs von Methoden, Resultaten und Lesarten eröffnet, die zugleich als (wie immer begrenzter) Beitrag zu einer gesamteuropäischen Kulturpolitik dienen können.

• Rekonstruktion der "Lektürebiographie" Kafkas; Vermessung von Feldern, Linien, signifikanten Ereignissen. Ein Beispiel wäre etwa Kafkas Besuch des 'ostjüdischen' Jargon-Theaters des Jizchak Löwy im Herbst 1910, der eine fieberhafte Rezeption von Schriftquellen zur Tradition wie zur politischen Situation des Judentums auslöste. Während Kafkas Auseinandersetzung mit dem (genuin Prager) 'Kulturzionismus' bereits durch die drei zwischen 1909 und 1912 von Martin Buber gehaltenen "Reden über das Judentum" angeregt worden ist, weist etwa die 'autobiographische Spur' des späten Erzählfragments Forschungen eines Hundes in Gestalt des 'Musikhunde'-Erlebnisses auf die Stellung des Jargon-Theaters als maßgebliches Schlüssel-Ereignis für Kafkas weitere schriftstellerische Entwicklung hin. Zusammenhänge wie dieser können, im Kontakt mit weiteren Selbstkommentaren Kafkas, durch die geplante Datenerfassung und -aufbereitung überprüft und (im Rahmen der beiden Hypertexte) für den Nutzer sichtbar gemacht werden.

• biblio- bzw. mediographische und kommentierende Neuerschließung einzelner Referenzfelder . Hierbei handelt es sich zum einen um die vertiefende Erschließung weitgehend gesicherter Lektüren bzw. Dialog-Beziehungen; so haben wir in Zusammenarbeit mit Rüdiger Schmidt und dem Weimarer "Kolleg Friedrich Nietzsche" eine Konferenz mit dem Titel: "Für Alle und Keinen: Lektüre, Schrift und Leben bei Nietzsche und Kafka" konzipiert, die Anfang 2006 in Weimar stattfinden soll. Zum anderen handelt es sich um die extensive Exploration größerer Rezeptionsfelder wie etwa der tschechischen kulturellen Kontexte des Kafka'schen Werks. Für das Frühjahr 2007 planen wir in Kooperation mit dem Bohemicum in Regensburg sowie der Prager Kafka-Gesellschaft eine Konferenz zu diesem Thema (in Prag). Das von Marek Nekula geleitete Projekt Sprache und Identität. Franz Kafka im mitteleuropäischen sprachlichen und kulturellen Kontext widmet sich unter anderem den Prager Schulcurricula unter sprachenpolitischer Perspektive. Die von Benno Wagner im Zusammenhang mit der Kritischen Ausgabe der Amtlichen Schriften Kafkas durchgeführten Forschungen ermöglichen eine weitere Erschließung des reichen Fundus an Texten, Datensätzen und Medien, mit denen Kafka in seiner beruflichen Tätigkeit gearbeitet hat (exemplarische Untersuchungen in Wagner 2002; Wagner 2004b). Ein für dieses Projekt zentrales und im Hinblick auf Kafkas Bildersprache weitgehend unerschlossenes Feld ist das visuelle Ausdrucksarsenal der Zeit, wie es in Malerei, Karikatur, Postkarte, Photographie und Film aufbewahrt ist. In dieser Hinsicht sind im Zusammenhang mit dem von Benno Wagner geleiteten Siegener Projekt eines elektronischen Archivs zur "Hilsner-Affäre" (www.hilsneriade.net) bereits exemplarische Vorarbeiten entstanden Wagner 2005, 2006), die in Kooperation u.a. mit der Modernen Sammlung der Tschechischen Nationalgalerie (Tomas Vlcek) und dem Lehrstuhl für Publizistik an der Prager Karls-Universität fortgeführt werden.

• Vorarbeiten zur Entwicklung des Kafka-Hypertexts anhand eines Modell- bzw. Ausgangstexts. Aufgrund ihrer starken poetologischen Selbstbezüglichkeit und ihrer Signifikanz für die beiden theoretischen Leitperspektiven (Biopolitik, Medienschaltungen) erscheint die Erzählung In der Strafkolonie hierfür als geeignete Grundlage.

• Sprachen: das Primärmaterial (Kafkas Text und seine Kontexte) wird grundsätzlich in der Originalsprache präsentiert. Sekundärmaterial (Forschungsliteratur) wird in den Redaktionssprachen resümiert. Die Redaktionssprachen sind zunächst englisch und deutsch sowie, im Zuge der weiterreichenden Einbindung tschechischer Partner, tschechisch.

Resultate

Während das geplante Kooperationsprojekt (Kafkas Virtuelle Mediathek) die Grundlagen für eine weitere Projektstufe (Kafka-Hypertext) schaffen wird, soll ihm Rahmen der Transcoop-Förderung eine Reihe von eigenständigen, von der weiteren Entwicklung des Projekts unabhängige Resultate erarbeitet werden:
• das als Ressource für Forschungen zu Franz Kafka und seiner Zeit wie als Werkkommentar nutzbare Hypertextarchiv Kafkas Virtuelle Mediathek

• einen Modell-Hypertext, der am Beispiel einer Erzählung das durch Kafkas Bildchiffren evozierte Netzwerk intra- und intertextueller/intermedialer Beziehungen darstellt, kommentiert, und für Recherchen nutzbar macht

•zwei Tagungsbände zu den Kooperations-Konferenzen "Nietzsche-Kafka" und "Kafka im tschechischen Kontext"

• einen abschließenden Sammelband, der, verstanden als 'Buch zur Datenbank', die literatur-, medien- und kulturtheoretischen Aspekte und Resultate des Projekts ebenso darstellt wie die Probleme und Möglichkeiten, die sich mit der hypertextuellen Supplementierung von Print-Literatur verbinden. Da die Absicht besteht, das Projekt auch in der zweiten Phase als deutsch-amerikanische Kooperation weiterzuführen, soll der Sammelband sowohl in den Vereinigten Staaten wie in Deutschland in der jeweiligen Landessprache erscheinen, um so auch als Bezugspunkt für die Einwerbung weiterer Drittmittel in beiden Ländern dienen zu können.

Das skizzierte Projekt zielt auf eine Reihe literaturwissenschaftlicher Innovationen:

• es organisiert und verwertet die Vernetzung dreier nationaler Forschungszusammenhänge

• es erprobt die Möglichkeiten eines 'Forschungshypertexts' sowohl als Instrument dezentralisierter Forschungskooperation wie auch als Darstellungsmedium informatischer und ästhetischer Aspekte von Literatur; Hypertext wird somit nicht als Nachfolgemedium, sondern als Supplement von Print-Literatur verstanden

• es ermöglicht eine neue, medientheoretische und -praktische Beobachterperspektive auf Literatur, indem es deren Potentiale als 'pre-hypertext' (Wagner 2001) erschließt

• es ermöglicht eine neue, polykontextuelle Rezeptionshaltung gegenüber literarischen Texten und begünstigt so eine neue Lese-Kultur

III. Vernetzungen und Ausblick

Dem Kooperationsprojekt bietet sich eine Reihe thematisch und personell getragener Vernetzungen an. Hierzu gehört Graduiertenkolleg "Mediale Historiographien" ebenso wie die Forschungsgruppe "Das Leben schreiben. Medientechnologie und die Wissenschaften vom Leben (1800-1900)", die beide von Joseph Vogl (Bauhaus-Universität) geleitet werden. Die Zusammenarbeit mit dem "Kolleg Friedrich Nietzsche der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen" (Rüdiger Schmidt) ist nicht allein durch die kaum zu überschätzende Bedeutung Nietzsches für Kafka motiviert, sondern auch durch die Nähe der beiden Werke im Hinblick auf ihr jeweiliges Potential als 'pre-hypertext'. An der Universität Siegen ergibt sich eine Reihe theoretischer wie methodischer Bezüge zu Fragestellungen, die in Teilprojekten des Forschungskollegs "Medienumbrüche" verfolgt werden; zudem bestehen enge thematische und pragmatische Beziehungen zu dem ebenfalls vom Antragsteller geleiteten Projekt eines elektronischen Archivs zur Hilsner-Affäre (www.hilsneriade.net). An der Universität Regensburg ergibt sich eine Vielzahl thematischer Bezüge zu den Arbeitsfeldern des Bohemicums und insbesondere zu dem von Marek Nekula geleiteten Projekt Sprache und Identität. Franz Kafka im mitteleuropäischen sprachlichen und kulturellen Kontext (s.o.). In Prag bietet sich im Hinblick auf die ikonographische Dimension des Forschungsprojekts die Möglichkeit einer engen Zusammenarbeit mit der Modernen Sammlung der Tschechischen Nationalgalerie (Tomas Vlcek).
Mit Beginn der Transcoop-Phase soll in diesem Kontext die Etablierung eines deutsch-amerikanisch-tschechischen Kooperationsverbundes mit eigenen Personalmitteln konzipiert werden, der die kontinuierliche Weiterentwicklung des im Rahmen von Transcoop zu erarbeitenden elektronischen Archivs ermöglichen wird. Auf amerikanischer Seite haben die beteiligten Forscher der Princeton-Universität ihr nachdrückliches Interesse an einer solchen Verstetigung des Archivs betont. In Deutschland bieten sowohl die Medienorientierung der Universität Siegen, die Verknüpfung medien- und kulturwissenschaftlicher (B. Dotzler) mit bohemistischer Kompetenz (M. Nekula) in Regensburg sowie das starke medientheoretische und -praktische Profil der Weimarer Bauhaus-Universität ideale Grundlagen für eine solche langfristige Einrichtung eines Modell-Archivs für literatur-, medien- und kulturwissenschaftliche Forschung.

Literatur

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