Das virtuelle Kafka-Bureau

Arbeitsstelle Tübingen

(Prof. Dr. Andreas Kilcher; stud. phil. Eva Edelmann)

Im Rahmen des Kooperationsprojekts „Kafkas Virtuelle Mediathek“ werden an der Arbeitsstelle der Universität Tübingen vor allem die intermedialen Kontexte des Judentums in Kafkas Lektüren erschlossen. Das Judentum, das Kafkas Texte verhandeln, ist freilich kein einstimmiges, sondern ein höchst vielfältiges und vielstimmiges Phänomen auf fast allen Feldern der Gesellschaft, also zwischen Kultur, Wirtschaft, Politik und Religion sowie zwischen der Vielvölkerstadt Prag und dem deutschen Zionismus, zwischen Osteuropa und Palästina. Dieses Judentum in Kafkas Texten läßt sich entsprechend in unterschiedliche Diskurse differenzieren: Zionismus ebenso wie Diasporatheorien, Chassidismus ebenso wie Kabbala, Antisemitismus ebenso wie Assimilationstheorien, West- und Ostjudentum, die Debatte um jüdische Kunst und jüdische Literatur etc. Die Tübinger Arbeitstelle der Kafka-Mediathek macht es sich zur Aufgabe, diesen breitgefächerten Kontext in seiner Präsenz in Literatur, Publizistik und Forschung für Kafkas Texte zu erschließen.

Einen ersten Anfang sollen die für Kafka naheliegendsten Texte bilden, nämlich zum einen die Schriften seines Freundes Max Brod, bekanntlich einer der bedeutendsten Prager Zionisten des anbrechenden Jahrhunderts, zum zweiten das von Kafka seit 1911 gelesene zentrale Organ des Prager Zionismus, die „Selbstwehr“.

Bei der Erschließung von Brods Schriften geht es weniger um eine Aufarbeitung der engen Freundschaft auf persönlicher Ebene, was ein berechtigtes Anliegen bilden könnte, wollte doch schon Kafka ein „eigenes Heft“ (5. TBH/358) über sein Verhältnis zu Max Brod anlegen, denn was „nicht aufgeschrieben ist, flimmert einem vor den Augen und optische Zufälle bestimmen das Gesamturteil“ (ebd.). Vielmehr soll hier der Fokus auf den förmlich transtextuell materialisierten Bezügen der beiden Autoren liegen. Im Rückgriff auf die publizistischen und essayistischen Texte Brods öffnet sich so freilich nicht nur ein intertextuelles Verfahren, sondern es ist auch möglich, das diskursive Feld, in dem Kafkas Werk zu lesen ist, auszuleuchten, was nicht zuletzt auf Brods politisches wie schriftstellerisches Engagement zurückzuführen ist.

Die „Selbstwehr“ wiederum hat Kafka nicht nur aufmerksam gelesen, sondern zeitweise sogar abboniert. Hier schrieben zum einen Kafkas engste Freunde, darunter Felix Weltsch, Oskar Baum und Max Brod, aber auch große programmatische Artikel von leitenden Figuren wie Martin Buber waren hier zu lesen. Davon ausgehend läßt sich sodann der Prager Zionismus und die Prager deutsch-jüdische Literatur erschließen, um die Kreise um Kafkas Texte immer weiter zu ziehen und ihre transtextuelle Faktur im jüdischen Diskurs der Moderne sichtbar zu machen.