Das virtuelle Kafka-Bureau

Arbeitstagung

Kafka in Frankenstein.
Böhmische Nerven-Politik zwischen 1890 und 1938

Universität Ústí n.L., 12.-14. Oktober 2007

 

Das Sanatorium Frankenstein (Podháji) bei Rumburk ist ein Schauplatz, an dem sich die Lokal- und Regionalgeschichte Nordböhmens mit den großen historischen Linien des vergangenen Jahrhunderts kreuzt: mit der politischen Geschichte und dem bewegten Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen ebenso wie mit der Medizingeschichte und sogar mit der Literaturgeschichte.

Bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte sich die Heilanstalt des Großindustriellen Carl Dittrich aus dem benachbarten Schönlinde (Krásná Lípa) einen internationalen Ruf als physikalisch-diätetische Heilanstalt erworben. Das Spektrum der ‚Heilbehelfe’ erstreckte sich von traditionellen Anwendungen bis hin zu den damals neuen und verheißungsvollen Verfahren wie der  Elektrotherapie. Als die 1915 in Prag eingerichtete Staatliche Landeszentrale für das Königreich Böhmen zur Fürsorge für heimkehrende Krieger eine geeignete Einrichtung für die Behandlung der seit Kriegsbeginn zahlreich von der Front heimkehrenden ‚Kriegsneurotiker’ suchte, fiel die Wahl auf das Sanatorium in Frankenstein. Zum Zeitpunkt der Umwandlung des Sanatoriums in eine Volksnervenheilanstalt im Frühjahr 1917 war eine solche Einrichtung freilich nicht mehr eigentlich als staatliche, sondern nur noch als nationale, als “Deutsche Volksnervenheilanstalt für das Königreich Böhmen”, realisierbar.
Eine wichtige Rolle bei der Einrichtung der Anstalt und ihres Trägervereins spielte Franz Kafka, dessen Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt (AUVA) die Trägerin der Staatlichen Landeszentrale war. Kafka, der bereits im Sommer 1915 als Patient einen Aufenthalt in Frankenstein verbracht hatte, war nicht nur an den Sitzungen des Komitees zur Auswahl einer geeigneten Einrichtung beteiligt; er schrieb auch neben dem Gründungsaufruf für den Trägerverein eine Reihe von Zeitungsartikeln und -aufrufen, in denen er um politische und finanzielle Unterstützung für das Projekt warb. Zwischen diesen Texten und seinem schriftstellerischen Werk lässt sich eine Reihe aufschlussreicher Verbindungslinien ziehen.

Die Arbeitstagung nutzt die Geschichte des Sanatoriums Frankenstein als Ausgangspunkt, weiterführend über Nervendiskurse in Böhmen nachzudenken. Dabei ist es den Veranstaltern wichtig, verschiedene historische Perspektiven zu berücksichtigen: Ausgehend von der Betrachtung des Sanatoriums als Schnittstelle gesellschaftlicher Diskurse sollen hier politische Geschichte, Medizingeschichte,  Regionalgeschichte und Literaturgeschichte im Zusammenhang diskutiert werden. Die bislang kaum aufgearbeitete Geschichte im Kontext des „nervösen Zeitalters” (Radkau), noch dazu im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, berechtigt zu der Annahme, dass hier ein sehr fruchtbarer interdisziplinärer Dialog zwischen den Spezialwissenschaften initiiert werden kann.

 

Freitag, 12.10.07

 

15:00 Uhr Eröffnung in der Universität Ústí n.L.

Einführung (Benno Wagner)
Organisatorisches (Mirek Nemec/Ekkehard Haring)

15:30 Jan Nemec (Decin): Zur Geschichte des Sanatoriums in Frankenstein bei Rumburg

16:00 Ekkehard Haring (U.J.E.P. Ústí nad Labem / Wien):
Von der Naturheilanstalt zum Lungensanatorium. Die Akte K. – Streiflichter einer Nervösen-Karriere.

16:30 Hana Masová (Medizin. Fakultät Prag): Heilanstalten für Geisteskranke in der Tschechoslowakei zwischen den Weltkriegen.

17:00 Kaffeepause

17:15 Marina Lienert (Med. Akademie Dresden): Psychotherapie in der Naturheilkunde von den Anfängen im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zur Neuen Deutschen Heilkunde im Dritten Reich.

17:45 Diskussion / Planung des Konferenzbandes

18:45 Historische Filmaufnahmen Naturheilsanatorium (1935)

20:00 Abendessen

 

Samstag, 13.10.07

 

9:00 Frühstück an der Uni

9:30 Helmut Mottel (TU Dresden):
Der literarische Großstadtdiskurs der Moderne zwischen Wahrnehmungspsychologie und einer Physiologie der Ermüdung: Kafka - Ruttmann – Döblin.

10:00 Klaus Johann (Münster):
Johannes Urzidils Gedicht "Dem Wahnsinnigen" (1918) im Kontext des zeitgenössischen Nervendiskurses.

10.30 Kaffepause

11:00 Benno Wagner (Universität Siegen): Habeas vitam. Volkskraft, Wehrmacht, und Kafkas Kampf um das nackte Leben

11:30 Natalie Stegmann (Tübingen): Staatliche Sozialpolitik und Kriegsgeschädigtendiskurs in den ersten Jahren der Republik

12:00 Mirek Nemec (U.J.E.P. Ústi nad Labem): Das Heil des Nationalen.

ab 12.30 Mittagessen Schreckenstein (Keller) / Ferdinandshöhe

14:00 Abfahrt nach Rumburk

Besichtigung Sanatorium Frankenstein

17:00 Abschluss Arbeitsgruppentreffen „Nervenpolitik“/ Besprechung weiterer Ziele Plenum

Abendessen in Ústi

 

Sonntag, 14.10.07

 

Stadtbesichtigung


Für die eingeladenen Gäste

Die Kosten für Reise, Unterkunft und Frühstückwerden vom Veranstalter getragen. Aufgrund unseres Budgets bitten wir um Verständnis dafür, dass wir nur Bahnfahrten 2. Klasse und eine Unterkunft im Gästehaus der Universität übernehmen können.Solltenalternative Unterbringungen gewünscht werden, können wir natürlich auch einen Zuschuss leisten und sind gerne bei der Reservierung behilflich.
Bitte heben Sie alle Belege gut auf für die Abrechnung!

12.-14.10.2007
Tagungsort:
Universität Ústi nad Labem, ceske mladeze 8
40096 Ústi nad Labem

Verkehrsanbindungen:
Zur Anfahrt per Auto: Am besten Autobahnabfahrt aus Dresden: "Usti nad
Labem- Sev. Terasa" (erste Ausfahrt nach den Grenztunnels und Richtung Usti
nad Labem) weiter auf Strasse Nr. 528 nach Usti nad Labem Stadtteil
"Sev.[erni] Terasa"

Vom Hauptbahnhof Ústi nad Labem zum Gästehaus der Universität:
Mit dem O-Bus Linie 52 (Richtung-Sev. terasa- Gagarinova) bzw. 54
(Richtung-Dobetice), aussteigen Haltestelle MALÁTOVA - dann etwa 5 min. zu
Fuss zum Rektoratsgebaeude der Universität Ústí
Adresse:
Rektorat UJEP
Hoøení 13,
400 96 Ústí nad Labem

Vom Hauptbahnhof Ústi nad Labem zur Universität:
Mit dem Bus 11 (Richtung Chlumec oder Tesco) oder O-Bus 52, 58 (Richtung
Klíše-Lázne) aussteigen Haltestelle "KAMPUS"
Universitätsadresse: Èeske mladeze 8, Hauptgebäude der Philosophischen
Fakultät, 40096 Ústi nad Labem.
Eine Karte zur besseren Orientierung geht mit der Einladung auf dem Postwege an die Referenten.
Bitte wenden Sie sich an uns, wenn Sie noch Fragen oder Wünschehaben.

Die Organisatoren

mireknemec@hotmail.com
ewharing@yahoo.de
wagner@lit-wiss.uni-siegen.de