Das virtuelle Kafka-Bureau

REMEDIATISIERUNG IM HYPERTEXT
TRANSTEXTUALITÄT ALS HERAUSFORDERUNG

Workshop, Regensburg, 30.11. - 1.12.2007

[…] for there be no simple confusion between him [Joyce] and a sadistic demiurge, setting up a hypermnesiac machine, there in advance, decades in advance, to compute you, control you, forbid you the slightest inaugural syllable because you can say nothing that is not programmed on this 1000th generation computer […] beside which the current technology of our computers and micro-computerfied archives and translating machines remains a bricolage of a prehistoric child's toys.

Jacques Derrida

In language processing the use of computers is not aimed toward less human effort, or for doing things faster and with less labor, but for more human work, more mental effort; we must strive to know more systematically, deeper, and better, what is in our mouth at every moment, the mysterious world of our words.

Roberta Busa

Seit den frühen 1990er Jahren hat sich an die literaturtheoretische Rekonzeption des modernen literarischen Textes als „geometrischer Ort eines hors-texte“, „Kreuzungspunkt von Schichten, die Myriaden von Horizonten entspringen“ (A. Topia) eine lebhafte medientheoretische Diskussion über die neuen Perspektiven, Zugänge und Nutzungsweisen angeschlossen, die das neue Medium des elektronischen Hypertextes im Hinblick auf die besonders markanten Beispiele dieser Transtextualität der modernen Print-Literatur eröffnen würde.
In der Praxis allerdings beschränkt sich – entgegen manchen medienrevolutionären Szenarien der 90er Jahre – die „Remediatisierung“ i.w.S. literarischer Hand- und Druckschriften im elektronischen „Schreibraum“ des Hypertextes (J. Bolter) weitgehend auf die Optimierung biblionomer und archivalischer Strukturen und Funktionen der ‚Gutenberg-Galaxis’.  Demgegenüber bleiben Versuche marginal, die komplexen Verweisstrukturen literarischer Print-Texte, also den durch sie erzeugten ‚autonomen’ ästhetischen Raum selbst, durch Hypertext zu ‚remediatisieren’. Hierfür lassen sich zunächst zwei hauptsächliche Ursachenkomplexe benennen:

1) Die für die Digitalisierung literarischer Texte ‚zuständige’ Disziplin, die Computerphilologie, definiert sich programmatisch über die Befassung mit „traditionellen philologischen Gegenständen“:

2) Das Phänomen der Transtextualität überschreitet den „traditionellen“, editionistisch bestimmten Textbegriff und seine tragende Unterscheidung von Textkörper und Textbedeutung. Wie die Forscher des  Bachtin-Kreises gezeigt haben, lässt sich die Spezifik insbesondere literarischer Texte im Horizont des abstrakten Systems sprachlicher Formen nicht adäquat erfassen; nicht die – wie auch immer differenzierte und modalisierte – Bedeutung des Textes, sondern sein ereignishaftes Eintreten in den „Rede-Verkehr“ bestimmt seinen ontologischen Status als ästhetisches Objekt. Erst durch die – transhermeneutische – Öffnung des literarischen Textes auf ein konkretes historisches Feld vorgängiger und gleichzeitiger Äußerungen wird die Komplexitätsschwelle überschritten, an der der Computer entweder als pathetische Metapher der Unzugänglichkeit/Unzulänglichkeit (bei J. Derrida), oder als praktisches Werkzeug zu Optimierung von Wissen (bei R. Busa) erscheint. In der Tat weist die Herausforderung der Digitalisierung von Transtextualität in zwei Richtungen: zum einen auf einen im Vergleich zu „traditionellen“ computerphilologischen Aufgaben deutlich erhöhten Komplexitätsgrad im Hinblick auf Verdatung und Display; zum anderen – und vor dem Hintergrund des Komplexitätsgefälles zwischen ‚Joyce’ und ‚IBM’ – auf die Notwendigkeit einer diskurs-, medien- und kulturtheoretisch informierten Neukonzeption von Transtextualität in der Periode der Heraufkunft elektronischer Medien.

Vor diesem Hintergrund haben wir im vergangenen Jahr erste Grundrisse eines kollaborativen Forschungsprojekts skizziert. Kafkabureau.net nähert sich der erörterten Herausforderung am Beispiel desjenigen deutschsprachigen Autors, dessen Schreibverfahren die transtextuelle Partizipation am und Intervention in den intermedialen „Redeverkehr“ seiner Zeit und aller Zeitalter wie kein anderes zum Gegenstand und Einsatz seiner selbst werden lässt. Ausführliche Entfaltungen der oben skizzierten Problematik finden sich dort unter den Adressen:
http://www.kafkabureau.net/dasprojekt-virtuellemediathek.html
und
http://www.kafkabureau.net/dasprojekt-kafkahypertext1.html

Der geplante workshop zielt darauf ab, eine Reihe grundsätzlicher und spezieller Probleme des umrissenen Vorhabens zu erörtern. Eine (vorläufige und offene) Themenliste umfasst etwa folgende Einträge:

  1. Transtextualität theoretisch: medien- und kulturtheoretische Reformulierungen
  2. Transtextualität historisch: Formen, Programme und Dispositive von T. in der „klassischen Moderne“
  3. Transtextualität methodisch: zur begrifflichen Formalisierbarkeit transtextueller Beziehungen
  1. (Kafkas) Verfahren: „Remediatisierung“ von Schreibprojekten im Horizont von Datenverarbeitung
  2. Digitalisierung transtextueller Räume: Projekte und Erfahrungen
  3. Digitalisierung transtextueller Räume: Erweiterung oder Jenseits der Computerphilologie?
  1. Digitalisierung transtextueller Räume als Intervention in (print-)philologische Forschungsökonomie und Forschungslogik (Digitalisierung des „Forschungsstandes“ Potentiale und Fragen elementarer Dienstleistungen für philologische Forschung; „offene“ vs. „redigierte“ Erweiterung des Datenbestandes)
  2. Digitalisierung transtextueller Räume als Horizont diskurs-/medien-/kulturtheoretische informierter Erschließung (projektredigierter Hypertext)
  1. Informatische Probleme:
  2. Strukturierung der Daten (Datenbank); Display des transtextuellen Raums (Hypertext)
  3. Definition und Auszeichnung von Texteinheiten

PROGRAMM

Ort: Großer Sitzungssaal der Philosophischen Fakultäten (PT 3.0.79)

Universität Regensburg
Universitätsstr. 31
93043 Regensburg

Gebäude: Theologie & Philosophie (PT)

(Lageplan: www.uni-regensburg.de/Einrichtungen/Rechenzentrum/Orientierung/uni.html)

Freitag, 30.11.2007

14:45
Begrüßung (Bernhard Dotzler, Regensburg)
Dimensionen von Transtextualität

15:00
Benno Wagner (Siegen)
Transtextualität als Hypertext. Eine einführende Problemskizze

16:00
Timothy Attanucci (Princeton)
Beruf als Chiffre

17:00
Andreas Kilcher/Eva Edelmann (Tübingen)
Die Sprache des Zionismus und ihre Verhandlung bei Franz Kafka

18:00
Jochen Venus (Siegen)
Überlegungen zu einer transbiblionomen Poetik und Philologie am Beispiel von Franz Kafka und Arno Schmidt

20:00
Abendessen

Samstag, 1.12.2007

Transtextualität im Hypertext

9:30
Friedrich Geisselmann (Regensburg)
Multimedialität in den Planungen für eine ‚Deutsche Digitale Bibliothek’

10:30
Timo Reinhard/Michael Heilemann (Siegen/Regensburg)
Das virtuelle Kafka-Bureau. Von der Datenbank zum Hypertext

11:30
Alexander Mehler (Bielefeld)
Möglichkeiten und Grenzen der automatischen Explikation
intertextueller Relationen: ein computerlinguistisches Modell

12:30
Christian Wolff (Regensburg)
Standards und Technologien für den Aufbau transtextueller Medienräume

13:30
Mittagessen

14:30 Planungssitzung der Projektgruppe kafkabureau

Organisation:
Bernhard Dotzler, Benno Wagner, Christian Wolff

Kontakt:
Prof. Dr. Bernhard Dotzler
Universität Regensburg
Lehrstuhl für Medienwissenschaft
Institut für Medien-, Informations- und
Kulturwissenschaft (IMIK)
D - 93040 Regensburg
Tel.: 0941/943-3455