Das virtuelle Kafka-Bureau

TAGUNGSBERICHT

Kafka in Frankenstein.
Böhmische Nerven-Politik zwischen 1890-1938,
Universität Ústi nad Labem / Sanatorium Frankenstein Rumburk (12.-14.10.2007)

Bericht:
Mgr. Marek Zdenek Schmidt
Katedra germanistiky, Filozoficka fakulta Univerzita J.E.P. Usti nad Labem
C(eske mladeze 8, Cz-400 96 Usti nad Labem,
tel. (+420) 475 283 314
email: Zdenek.Schmidt@gmx.net

Zu einer außergewöhnlichen Veranstaltung im Vorfeld des Kafka-Jubiläums rief vom 12.-14. Oktober 2007 die Arbeitsgruppe "Kafka in Frankenstein". Organisiert von einem deutsch-österreichisch-tschechischen Expertenteam (Benno Wagner / Ekkehard W. Haring / Mirek Nemec) rückte die Tagung einen medizinhistorischen Ort in den Blick, der nicht nur hinsichtlich der Kafka-Biografie, sondern auch in größeren historischen Zusammenhängen Beachtung verdient.

Kafka verbrachte im nordböhmischen Nerven-Sanatorium Frankenstein einige Zeit als Patient (1915), und organisierte am gleichen Ort (1916) als Angestellter der Arbeiterunfallversicherung eine Volksnervenheilanstalt für traumatisierte Kriegszitterer. Der Titel "Kafka in Frankenstein. Böhmische Nerven-Politik zwischen 1890-1938" verweist auf die Spannweite privatpersönlicher Erfahrung und politisch nationaler Geschichte Mitteleuropas, welche im Ort Rumburk/Frankenstein anschaulich zusammenlaufen. Nicht zuletzt Literatur ist daraus hervorgegangen -- so die im Titel suggerierte These der Veranstalter: Texte, die wie In der Strafkolonie oder Ein Landarzt aus der Zerreißprobe einer neurotischen Gesellschaft und individueller Verantwortung, unter einer Vielzahl einwirkender Diskurse entstehen. In Frankenstein verlässt Kafka die Objektebene, die er eben noch als Patient anhand therapeutischer Anwendungen reflektiert hat ("ich möchte mich nicht mehr elektrisieren lassen...") und wird handelndes Subjekt im politischen Spannungsfeld Mitteleuropas. Seine Tätigkeit für die 1916 gegründete "Staatliche Landeszentrale zur Fürsorge für heimkehrende Krieger" beschränkt sich nicht nur auf amtliche Schreiben (nachzulesen in der von Benno Wagner / Klaus Hermsdorf besorgten Kritischen Ausgabe Fischer-Verlag 2004), sondern drängt ihn auch in eine aktive Rolle bei der Einrichtung der sogenannten "Deutschen Volksnervenheilanstalt für das Königreich Böhmen" 1917. 

Jan Nemec, Historiker des Deciner Schlossarchivs, stellte eingangs in seinem Vortrag die Geschichte der Rumburger Heilanstalt Frankenstein vor und legte dazu zahlreiche Dokumentationsmaterialien aus tschechischen Archiven vor.

Ekkehard Haring (Wien) veranschaulichte die Krankengeschichte Kafkas vor dem Hintergrund zeitgenössischer pathogener Diskursfelder. Besondere Aufmerksamkeit fanden die Krankheitsbilder Neurasthenie und Tuberkulose. Haring belegte auf der Grundlage von demografischen und statistischen Untersuchungen aus dieser Zeit die enge Verflechtung der Kafkaschen Krankengeschichte mit gesellschaftlichen Zuschreibungen, wie sie v.a. von Juden rezipiert wurden. Kafkas Affinität zu Orten des Heils komme besonders in seinen sanatorischen Bemühungen zum Tragen.

Hana Másová (Prag) berichtete in ihrem Vortrag über die Heilanstalten für Geisteskranke in der Tschechoslowakei zwischen den Weltkriegen. Mit ihrem Überblick machte sie darauf aufmerksam, dass die Nerven-Politik der Monarchie unter den neuen Verhältnissen der Republik fortgesetzt, wenn auch geringfügig modifiziert wurden.

Ähnlich informativ waren auch die Darlegungen von Natalie Stegmann (Tübingen), die sich auf staatliche Sozialpolitik und Kriegsgeschädigtendiskurs in den ersten Jahren der Republik richteten. Stegmann bezifferte die Zahl kriegsgeschädigter Invaliden auf 175000 und ging dabei auf die hohe Bedeutung der Tuberkulose als Kriegsschädigung ein. Die Recherchen der Historikerin legten nahe, die Nerven-Politik auch auf der Grundlage nationaler Vergleiche zu analysieren.

Marina Lienert (Dresden) gab eine Einführung in die für Kafka auf Lebenszeit bedeutsame Dimension der Naturheilkunde. Nicht zuletzt Lahmanns bekanntes Dresdner Sanatorium, das der Prager Schriftsteller 1903 besucht hatte, stand hier im Mittelpunkt. Lienert spannte einen Bogen von den Anfängen der Naturheilkunde Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Neuen Deutschen Heilkunde im Dritten Reich.

In literarischer Hinsicht bot Klaus Johann (Münster) einen sicherlich produktiven Zugang zum Thema, indem er Johannes Urzidils Gedicht "Dem Wahnsinnigen" in den Kontext des zeitgenössischen Nervendiskurses stellte. Urzidils literarische Figur darf als repräsentativ für die Prager Dichtung in ihrem Umgang mit gesellschaftlichem bzw. individuellem Wahnsinn gesehen werden und verdient daher besondere Aufmerksamkeit.

Daran anknüpfend konnte auch Frederike Partzsch (Ústi nad Labem) die Vita Daniel Paul Schrebers neu akzentuieren. Schreber macht in seinen "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" den eigenen Körper zum wissenschaftlichen Diskurs, Grund genug, dass sich namhafte Autoren wie Freud, Niederland oder Canetti seines "Falles" annahmen.

Benno Wagner (Siegen) schließlich zeichnete mit seinem Referat die Konturen der nervenpolitischen Versicherungsoptionen nach. Die Errichtung von Kriegerheimstätten sei ein wichtiges Regulativ innerhalb einer nationalen Körper-Politik, deren Legislatur äußerstenfalls auch den Tod in den Dienst des Lebens stelle. Ähnlich wie Haring betonte auch Wagner die Evidenz der Statistik, die Kafka bereits an der Prager Universität bei Heinrich Rauchberg studierte und auf die seine Schriften immer wieder rekurrieren. In seinen Aufrufen zur Schaffung einer Volksnervenheilanstalt setze der Prager Autor, so Wagner, dem offiziellen Habeas-Vitam-Diskurs einen unterschwellig anklingenden persönlichen Einspruch entgegen.

Neben den z.T. hochinteressanten Referaten wurden auf der Tagung erstmals historische Filmaufnahmen eines der Kafkaschen Naturheilsanatorien vorgeführt. Die Veranstaltung endete mit einer Exkursion ins nordtschechische Sanatorium Frankenstein, der historischen Kuranstalt und Wirkungsstätte Kafkas.

Das erste interdisziplinäre Arbeitsgruppentreffen "Kafka in Frankenstein" bot seinen Teilnehmern und Gästen eine Reihe vielversprechender Forschungsansätze und lieferte trotz des relativ kleinen Rahmens erstaunliche Ergebnisse. Nicht nur die Qualität der Referate und Forschungsarbeiten ist hier zu loben. Bereits das vorgestellte Archiv- und Dokumentationsmaterial lässt es angeraten erscheinen, die Episode Kafka in Frankenstein weiter im Blick zu behalten. Eine ambitionierte Buchausgabe, so die Veranstalter, sei für 2008/09 angestrebt. Vorab unsere Gratulation für dieses außergewöhnliche Forschungskonzept, das […] einen wirklich innovativen Beitrag zum Kafka-Jahr leisten könnte.   


Aus: H-GERMANISTIK
Redaktionelle Betreuung: Timo Günther